Interview von Hans-Conrad Walter, Kulturberatung und Kulturmanagement, Berlin
mit Andreas Reymann, Bürgermeister der Stadt Saarburg
Bei der Kommunalwahl am 09. Juni 2024 wurden Sie mit 54,6 Prozent der Stimmen zum Stadtbürgermeister gewählt, Ihre Amtszeit begann mit der konstituierenden Sitzung des Stadtrates am 29. August 2024, und Sie haben den Staffelstab von Jürgen Dixius im Rathaus übernommen. Mit welchen kommunalpolitischen Zielen sind Sie damals angetreten, und welche davon konnten Sie bereits verwirklichen?
Ich bin angetreten, um Saarburg gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern zukunftsfähig zu gestalten – mit einem offenen Ohr für ihre Anliegen, Mut zu neuen Ideen und Freude am Gestalten. In den ersten Monaten konnten wir wichtige Impulse für Beteiligung, Demokratieförderung, Erhalt des historischen Erbes unserer Stadt und Stadtentwicklung setzen. Besonders wichtig ist mir, dass sich Menschen aktiv einbringen. Denn lebendige Demokratie funktioniert nur, wenn wir Verantwortung gemeinsam tragen, Beteiligung zulassen und einfordern. Ich halte das heute für wichtiger denn je.
Sie selbst sind seit über 20 Jahren in der Tourismusbranche aktiv, haben beim Reisekonzern TUI in Hannover im Produkt- und Projektmanagement gearbeitet und sind hauptamtlich in Luxemburg als Manager für Digitalisierung und Innovation im Tourismus tätig. Wie wichtig sind Ihrer Meinung nach das kulturelle Erbe und das Kulturangebot für die touristische Vermarktung von Saarburg und seiner Umgebung?
Saarburg lebt von seiner Geschichte, seiner traumhaften Lage und Landschaft und seinem kulturellen Reichtum – das ist keine Marketingfloskel, sondern unser Fundament. Kultur schafft Atmosphäre, Identität und Begegnung. Das spüren auch unsere Gäste. Tourismus profitiert, wenn eine Stadt authentisch bleibt und ihre kulturellen Wurzeln pflegt. Das ist bei uns der Fall – mit Museen, Festen, Musik und der Kulturgießerei als Ort, an dem Tradition und Geschichte mit sozialem Engagement, Kultur und Kreativität zusammenfinden.
Die Kulturgießerei Saarburg positioniert sich als das kulturelle Herz der Stadt Saarburg und gilt darüber hinaus als eine der besucherstärksten soziokulturellen Einrichtungen von Rheinland-Pfalz. Auf dem Areal der ehemaligen Glockengießerei Mabilon, die heute ein weltweit bekanntes Industriedenkmal ist, wird jährlich ein außergewöhnliches kulturelles Programm kuratiert und angeboten. Welche Impulse setzt das soziokulturelle Zentrum für das Tourismuskonzept der Stadt Saarburg?
Die Kulturgießerei ist weit mehr als ein touristischer Impulsgeber – sie ist ein kreativer Motor für die Stadt. Sie bringt Menschen zusammen, schafft Ideenräume und öffnet Perspektiven. Wer hier ein Konzert, eine Ausstellung oder ein Bildungsprojekt erlebt, lernt Saarburg auf eine sehr persönliche Weise kennen. Diese emotionale Verbindung ist letztlich das, was auch Gäste begeistert und wiederkommen lässt.
In Fachkreisen werden Kulturanbieter:innen seit vielen Jahren als stabile Wirtschaftsfaktoren für Kommunen angesehen, da sie nicht nur Arbeitsplätze schaffen, sondern auch die Kaufkraft vor Ort in der Hotellerie, Gastronomie und dem Einzelhandel stärken. Dies führt wiederum zu fiskalischen Effekten, wie Rückflüsse von Steuern und Abgaben, beispielsweise durch Sozialversicherungsabgaben, Einkommens- und Umsatzsteuer. Betrachten auch Sie die Kulturgießerei Saarburg im Sinne dieser Umwegrentabilität als Wirtschaftsfaktor?
Ich sehe die Kulturgießerei vor allem als Wert-Faktor – im sozialen, kulturellen und kreativen Sinn. Ihr Beitrag lässt sich nicht in Zahlen messen. Sie stiftet Gemeinschaft, inspiriert junge Menschen und hält Geschichte lebendig. Wenn daraus wirtschaftliche Impulse entstehen, ist das schön – aber nicht der Maßstab. Kultur ist kein Geschäftsmodell, sondern Ausdruck einer offenen, engagierten Stadtgesellschaft. Wir sollten aus meiner persönlichen Sicht kulturelle Angebote, soziales Engagement und Bildungsangebote nicht primär durch die ökonomische Brille betrachten und nicht mit wirtschaftlichen Maßstäben messen. Als Kommune sind wir natürlich finanziellen Zwängen unterworfen, aber die Kulturgießerei mit ihren Angeboten sollten wir schon allein wegen ihrer Relevanz als Säule einer funktionierenden Zivilgesellschaft wertschätzen.
Neben der Umwegrentabilität trägt ein attraktives kulturelles Angebot in einer Stadt und ihrem Umland viel zur allgemeinen Lebensqualität der Einwohner:innen bei. Kulturell besser versorgte Gemeinden haben es so leichter, qualifizierte Arbeitskräfte mit ihren Familien anzuziehen und in der Region zu halten. Welchen Beitrag leistet Ihrer Meinung nach die Kulturgießerei Saarburg für die Lebensqualität der Einwohner:innen in Saarburg und Umgebung?
Einen sehr großen. Die Kulturgießerei ist ein Ort, an dem Menschen sich begegnen, Neues lernen, sich ausprobieren und miteinander ins Gespräch kommen. Sie stärkt den sozialen Zusammenhalt und sorgt dafür, dass Kultur für alle zugänglich bleibt – nicht elitär, sondern nahbar. Diese Mischung aus Kreativität, Bildung und Miteinander macht Saarburg lebens- und liebenswert.
Welche politischen Versprechen können wir Ihnen als Stadtbürgermeister für die Zukunft der Kulturgießerei Saarburg und die Inwertsetzung des charmanten, aber maroden Areals der ehemaligen Glockengießerei Mabilon nach diesen vielen positiven Aussagen am Ende dieses Interviews entlocken?
Ich verspreche Offenheit, Unterstützung und Dialog. Die Kulturgießerei lebt von Menschen, die sich engagieren und Verantwortung übernehmen – das verdient Anerkennung und partnerschaftliche Zusammenarbeit. Das städtische Denkmal, die historische Glockengießerei, bedarf höherer Aufmerksamkeit. Ich weiß um den Zustand und den Investitionsbedarf. Ich hoffe, dass es uns als Stadt gelingt, gemeinsam im kommenden Doppelhaushalt 2026/2027 hierfür ein wichtiges Zeichen zu setzen. Das wird aber ohne zusätzliche Förderung nicht funktionieren. Gemeinsam mit dem Verein und allen Beteiligten möchte ich dazu beitragen, dass sich dieses fantastische Areal weiterentwickelt – offen für Saarburgerinnen und Saarburger und unsere Gäste, innovativ und kreativ, mit Blick auf die Zukunft unserer Stadt.
ANDREAS REYMANN ist 53 Jahre alt und lebt mit seiner Familie in Saarburg. Er hat Informatik studiert und arbeitet hauptberuflich als Manager für Digitalisierung und Innovation im Tourismus in Luxemburg. Hobbys: Geschichte, Wandern und Kochen: