Kareol Tanzorchester, „Nosferatu“, eine musikalisch-literarische Uraufführung und Rag Doll werfen ganz unterschiedliche Blicke auf eine widersprüchliche Epoche
Goldene Zwanziger? Nicht überall. Die Engländer nennen sie die „Roaring Twenties“, die Italiener „Anni Ruggenti“, die Franzosen „Années Folles“ – brüllende, lärmende, verrückte Jahre. Nur im Deutschen klingt dieses Jahrzehnt golden.
Und tatsächlich war die Zeit vieles zugleich: laut, widersprüchlich und voller Bewegung.
Jazz und Avantgarde, veränderte Rollenbilder und neue Freiheiten prägten die Zeit – ebenso wie die Erinnerung an Krieg und Pandemie, politische Unruhe und wirtschaftliche Krisen.
Zwischen Tanz und Aufbruch, Angst und Kontrollverlust entstand eine kulturelle Vielfalt, die bis heute fasziniert.
Der Kultursommer Rheinland-Pfalz 2026 nimmt diese Epoche unter dem Motto „Die Goldenen Zwanziger“ in den Blick. In der Kulturgießerei Saarburg beginnt die Reihe am 29. August mit dem Kareol Tanzorchester, am 12. September folgt Murnaus „Nosferatu“ mit Live-Musik von Stephan Graf v. Bothmer. Am 19. September feiert die musikalisch-literarische Produktion „Die Goldenen Zwanziger“ ihre Uraufführung: Sopranistin Alexandra von der Weth, Pianist Roland Techet und Dichter Frank Schablewski nehmen das Publikum mit auf eine Reise durch die Epoche. Den Abschluss bildet am 24. Oktober das All-Female Classic Blues Trio Rag Doll, das die Geschichte der schwarzen Sängerinnen des frühen Blues in den Mittelpunkt stellt. Vier Abende, vier Perspektiven – und vier ganz unterschiedliche Möglichkeiten, eine Epoche zu entdecken, die weit mehr war als Charleston und Federboa.

Kareol Tanzorchester: Die Zwanziger zum Hören, Tanzen und Erleben
Samstag, 29. August 2026 | 19:00 Uhr
Kareol Tanzorchester – The Roaring Twenties
Wer sagt eigentlich, dass eine Zeitreise nur auf der Bühne stattfindet? Bei „The Roaring Twenties“ beginnt sie schon beim Ankommen. Zum Einstieg, in der Pause und zum Ausklang begleitet Claire la Clandestine den Abend mit ihrer künstlerischen Bauchladen-Performance. Ihre „Verbotene Schatulle“ steckt voller kleiner Geheimnisse und verlockender Überraschungen. Claire ist Sängerin, Entertainerin und – wie sie selbst sagt – Chorleiterin. Mit ihrem Bauchladen überrascht sie das Publikum und wird ganz nebenbei zur musikalischen Mitspielerin auf kuriosen Instrumenten.
Auf der Bühne lässt das Kareol Tanzorchester die Goldenen Zwanziger musikalisch aufleben. Jazz, Schlager und Chansons der 20er und frühen 30er Jahre treffen auf Charleston, Stepptanz, authentische Kostüme und eine pointierte Bühnenshow. Bekannte Ohrwürmer wie „Mein kleiner grüner Kaktus“, „Ausgerechnet Bananen“ oder „Ich wollt‘, ich wär‘ ein Huhn“ gehören ebenso zum Programm wie weniger bekannte musikalische Entdeckungen.
Ein Abend zwischen Aufbruch, Eleganz und Lebensfreude – und mit einer Prise Sünde, Flüstern, Skandal und Verlangen.
Wer selbst Teil der Zeitreise werden möchte, darf sich entsprechend kleiden: Kostümierte Gäste im Stil der Goldenen Zwanziger erhalten zur Begrüßung ein Getränk.

„Nosferatu“: Ein Film, den man vernichten wollte
Samstag, 12. September 2026 | 20:00 Uhr
Stephan Graf v. Bothmer – Stummfilmkonzert Nosferatu
Ein Film über einen Vampir, den ein Gericht zum Tode verurteilte – und der trotzdem überlebte: Friedrich Wilhelm Murnaus „Nosferatu“ von 1922 ist einer der berühmtesten Stummfilme überhaupt. Am Samstag, 12. September, kommt der expressionistische Klassiker als Stummfilmkonzert in die Kulturgießerei Saarburg.
Die Geschichte hinter dem Film ist ebenso bemerkenswert wie der Film selbst. Die Produktionsfirma Prana-Film hatte Bram Stokers „Dracula“ ohne Genehmigung adaptiert. Ein Gericht ordnete deshalb nach der Premiere die Vernichtung aller Kopien an – auf Antrag von Florence Stoker, Bram Stokers Witwe, die um ihre Existenz kämpfte. Doch „Nosferatu“ hatte sich bereits über die Grenzen Deutschlands hinaus verbreitet. Der Film blieb erhalten und wurde später zu einem Klassiker des expressionistischen Kinos.
Seine Bilder erzählen von einer Bedrohung, die über das Meer kommt, von Seuche, Ohnmacht und einer Gesellschaft, die ihr eigenes Verderben geradezu hereinbittet. Für ein Publikum im Jahr 1922 waren das keine rein fantastischen Ängste: Der Erste Weltkrieg lag erst wenige Jahre zurück, die Spanische Grippe hatte Millionen Menschenleben gefordert.
Stephan Graf v.Bothmer macht aus „Nosferatu“ ein Live-Erlebnis: Er komponiert die Musik während der Vorführung auf seinem Cinetronium und reagiert unmittelbar auf die Bilder, die Spannung und die Dramaturgie des Films. Keine Aufführung gleicht der anderen. Der Film ist über hundert Jahre alt. Aber die Musik entsteht in diesem Moment neu.
Zu erleben ist „Nosferatu“ dabei an einem besonderen Ort der Industriekultur: in der ehemaligen Gießhalle, deren Atmosphäre die Wirkung des Films noch verstärkt.

„Die Goldenen Zwanziger“: Eine musikalisch-literarische Reise durch eine bewegte Zeit
Samstag, 19. September 2026 | 19:30 Uhr
Frank Schablewski (Sprache), Roland Techet (Piano) und Alexandra von der Weth (Gesang) – Die Goldenen Zwanziger – eine musikalisch-literarische Zeitreise
Einsteigen bitte: Die aufregende Reise durch die Zwanziger beginnt in der Tram. So beschreibt der Dichter Frank Schablewski den gemeinsamen Abend mit der Sopranistin Alexandra von der Weth und dem Pianisten und musikalischen Leiter Roland Techet in der Kulturgießerei Saarburg. Das musikalisch-literarische Gesamtkunstwerk ist eigens für die Kulturgießerei und den Kultursommer Rheinland-Pfalz entstanden und wird am 19. September erstmals aufgeführt. „Wir bringen den Duft Berlins der 1920er Jahre nach Saarburg“, sagt Roland Techet.
Die Tram hält an unterschiedlichen Stationen und lässt Bilder entstehen, die den Puls der Zeit sichtbar machen: ein verändertes Verständnis vom Menschen nach dem Ersten Weltkrieg, neue Vorstellungen von der Rolle der Frau, Fabrikbesitzer, die Wohnsiedlungen für ihre Arbeiterschaft bauen lassen, und eine Gesellschaft zwischen sozialer Not, wirtschaftlicher Unsicherheit und dem Wunsch nach einem neuen Leben. Dazwischen: das pulsierende Berlin, Jazz, Kabarett, Tanz und ein neues Lebensgefühl.
Musikalisch führt die Reise unter anderem zu Kurt Weills „Berlin im Licht“, zu seiner „Dreigroschenoper“, zu Eduard Künnekes „Der Vetter aus Dingsda“ und zu Paul Hindemiths „Suite 1922“, in der er aus den Tanzmoden der Zeit Konzertmusik macht. Der Dichter Frank Schablewski hält den Abend zusammen. Er schöpft aus einem Repertoire von Texten und Gedichten, die die unterschiedlichen Facetten dieser Zeit widerspiegeln – von Rainer Maria Rilke und Thomas Mann über Hermann Hesse und Alfred Döblin bis zu Gottfried Benn und Kurt Schwitters. Als Bindeglied zwischen Musik und Literatur setzt er die Texte in Szene und lässt die Bilder dieser Epoche lebendig werden.Dieser Abend blickt nicht einfach auf die Zwanziger zurück, sondern lässt diese Zeit im Zusammenspiel von Musik, Literatur und erzählten Bildern neu entstehen. Dabei bleibt Raum für Spontaneität und Intuition – und für die Begegnung mit dem Publikum.

Rag Doll: Drei Frauen holen die Stimmen des frühen Blues zurück
Samstag, 24. Oktober 2026 | 19:30 Uhr
Rag Doll – Welcome to the Roaring Twenties
Beim Blues denken viele zunächst an einen Mann mit Gitarre. Die Geschichte der frühen Blues-Schallplatte erzählt es jedoch anders: In den 1920er Jahren waren es vor allem schwarze Sängerinnen, die den Blues auf die großen Bühnen und Schallplatten brachten. Bessie Smith, Ma Rainey oder Alberta Hunter sangen über Liebe und Begehren, Arbeit und Geld, Unabhängigkeit und die kleinen und großen Zumutungen des Lebens. Sie waren nicht nur Interpretinnen. Viele schrieben ihre Songs selbst und machten ihre eigenen Erfahrungen zum Stoff ihrer Musik.
An diese Tradition knüpft Rag Doll an. Die drei Musikerinnen widmen sich dem Classic Female Blues der 1920er Jahre und den Sängerinnen, die ihn geprägt haben. Käthe von T. (Gesang), Ulrikke Hanspach-Torkildsen (Posaune/Gesang) und Amy Protscher (Piano/Gesang/Percussion) interpretieren unter anderem „Prove It On Me Blues“ von Ma Rainey, „Empty Bed Blues“ von Bessie Smith und „My Castle’s Rockin’“ von Alberta Hunter.
Dabei darf der Blues durchaus Spaß machen. Er erzählt von Liebeskummer und Begehren, von Ärger, Selbstbestimmung und dem ganz normalen Leben – direkt, selbstbewusst und manchmal mit ordentlich Augenzwinkern. Rag Doll bringt diese Geschichten auf die Bühne und zeigt damit eine Seite des Classic Blues, die weit über das Klischee vom schwermütigen Blues hinausgeht.
So rücken zum Abschluss noch einmal die Stimmen jener Frauen in den Mittelpunkt, die mit ihrer Musik selbstbestimmt ihren Platz in einer sich verändernden Welt einforderten.